Dr. Julia Hahmann

Doktorarbeit

coverFreundschaftsbeziehungen sind in aller Munde, werden in Büchern beschrieben und Liedern besungen, in Ratgebern erläutert und in Filmen gefeiert. Sicherlich werden die meisten Menschen nicht müde, die Wichtigkeit von Freundinnen und Freunden für ihr eigenes Leben zu betonen. Trotzdem bleibt die Verortung dieser Beziehungsart im sozialen System von Individuen unklar und schwer zu fassen. Was macht einen Freund oder eine Freundin aus? Ist sie oder er immer wichtig, immer Teil des eigenen Lebens? Wie verändern sich Freundschaften im Lebensverlauf, durch Partnerschaften und Familie, durch Beruf und Mobilität sowie moderne Kommunikationstechnologien? Neben diesen individuell beeinflussten Ausprägungen von Freundschaft, fällt aber auch eine gesellschaftliche Einordnung der Beziehungsart schwer. Welchen Stellenwert besitzen Freundschaften im 21. Jahrhundert in einer Gesellschaftsform, die durch Globalisierung, Individualisierung aber gleichzeitig auch durch eine große Sehnsucht nach familiärer Zusammengehörigkeit geprägt ist?

Die Beantwortung der Fragen ist nicht nur aus einem allgemeinen Forschungsinteresse motiviert, sondern speist sich ebenfalls aus der Beobachtung der Konsequenzen von demographischem und sozialem Wandel auf gesellschaftliche Strukturen und individuelle Einbettung in den sozialen Kontext. Die Bevölkerung wird in westlichen Industrienationen nicht nur älter, es kommt auch zu einer Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen. Die große Freiheit des subjektiv konstruierten Lebensentwurfs passt jedoch nicht zu den historisch gewachsenen und sozial verankerten Vorstellungen des Alter(n)s. Hier soll nämlich die Familie die Versorgung der Personen übernehmen, die strukturell scheinbar uninteressant sind, weiß die Gesellschaft doch nicht so recht, was sie mit älteren Menschen nach deren Berufstätigkeit oder der Zeit der Reproduktionsarbeit, also der unbezahlten Arbeit für die Familie, anfangen soll. Sind Kindheit und Jugend durch Ausbildung geprägt und das mittlere Erwachsenenalter durch Erwerbstätigkeit und Familiengründung, so fehlt es im Alter an gesellschaftlicher Aufgabe und somit auch an sozialer Partizipation. Die Verantwortung für das gesunde ältere Individuum liegt im Privaten. Erst im Falle von Krankheit und Pflegebedarf wird die Verantwortung in Teilen wieder der Gesellschaft und dem Staat übereignet und gelangt somit in die öffentliche Sphäre. Selten wird dieser Wechsel von älteren Menschen wie der restlichen Gesellschaft positiv bewertet, denn er wird mit Rückgang und Tod assoziiert. Fatalerweise führt die späte Reintegration in die Öffentlichkeit zur gesellschaftlichen Konstruktion fehlerbehafteter Altersbilder.

Denken wir aber an die lange Phase des gesunden Alter(n)s, das ohne soziale Strukturierung, ohne Aufgabe, auskommen muss, so stellt sich die Frage nach der Alltagsgestaltung und im Falle dieser Arbeit insbesondere nach der Einbettung in den sozialen Kontext, der zur Strukturierung der “Freizeit” nach aktiver Familienarbeit mit der täglichen Verantwortung für Kinder und/oder Einbindung in den Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Besteht keine Möglichkeit, die (erweiterte) Familie zu nutzen, entscheidet die Leistungsfähigkeit informeller non-familialer Beziehungen über die soziale Integration und die Versorgungsqualität mit diversen Formen sozialer Unterstützung. In besonderer Form eignet sich Freundschaft für die Befriedigung dieser zahlreichen Bedürfnisse. Diese Eignung erlangt sie aufgrund ihrer Konstitutionsmerkmale; Freundschaften sind eng und intim sowie mit einem hohen Wissen übereinander verbunden. Interaktionspartnerinnen und -partner sind nur vom Individuum gewählte Personen. Die Freiwilligkeit der Beziehungsform resultiert in befriedigenden Interaktionen. Auf die Zusammensetzung der Familie, auf KollegInnen und Nachbarschaft haben Subjekte hingegen keinen oder nur einen geringen Einfluss.

Ob Individuen Freundinnen und Freunde aber im täglichen Leben tatsächlich nutzen und in welcher Intensität sie dies vollziehen, ist vermutlich sehr heterogen und von diversen Faktoren abhängig. Welche Ausprägungen der Freundschaftsgestaltung existieren und welche Variablen die Variation erklären, bleibt unklar, weil diese Beziehungsform in Deutschland kaum erforscht ist. Amerikanische Studien lassen erahnen, dass eine ganzheitliche Sichtweise auf Freundschaft kaum möglich ist. Sie konzentrieren sich auf Teilbereiche der freundschaftlichen Relation oder spezifische Populationen.

Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen, wobei der umfangreichste der Erfassung und Typologisierung von Freundschaftsmustern älterer Menschen gewidmet ist. Diese werden im Kontext weiterer sozialer Beziehungen und individueller Lebensverläufe betrachtet, sind somit eingebunden in die soziale Struktur der einzelnen Personen. In einem zweiten Schritt interessiere ich mich für die Leistungsfähigkeit der sozialen Netzwerke dieser Population, die sich nicht nur in der Größe oder der Dichte messen lässt, sondern insbesondere durch die Zusammensetzung. Denn ein diverses Netzwerk erlaubt auch in Zeiten des demographischen Wandels und schwer einschätzbarer bzw. sich verändernder persönlicher Umstände eine zuverlässige Unterstützungsleistung auf breiter Ebene. Um den Bereich altersspezifischer Unsicherheiten nicht auszulassen und somit auch die Bereiche des Alter(n)s zu betrachten, die in sozialer oder gesundheitlicher Not verbracht werden, schließt sich ein Kapitel der Risikoabschätzung einerseits im Bereich des allgemeinen Wandels von Lebensbedingungen und andererseits bezüglich belastender Wetterbedingungen an. Der Aspekt der Anpassungsfähigkeit einer älterer werdenden Bevölkerung an extreme Wetterlagen ist insbesondere für die Nutzung der Daten innerhalb des Forschungsprojekt City2020+ von Interesse, in das die Arbeit inhaltlich wie strukturell eingebunden ist. Soziologischen Schwerpunkt des interdisziplinären Forschungsverbundes bildet die Erfassung von sozialer Unterstützung und sozialer Isolation in der Stadt Aachen und stellt somit auch die Verknüpfung zur vorliegenden Arbeit dar. Die Etablierung starker non-familialer Beziehungssysteme stellt ein ideales Auffangnetz für all die Personen dar, die nicht in einer lebenslangen Partnerschaft mit Kindern, einem lokalen Verwandtschaftssystem und einer stabilen nachbarschaftlichen Gemeinschaft altern; mag dies nun geplant sein oder zufällig geschehen. Gleichzeitig sind Freundschaft (und Bekanntschaft) auch Bestandteil des Lebens der Personen, die familiär stark eingebunden sind oder sich in verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Lebens engagieren.